Schlechte Zeiten
Fünf Uhr fünf, Eckhard Koslowski zieht die Haustür hinter sich zu. Er eilt durch die Straßen der Bergarbeitersiedlung zur Frühschicht. Um halb sechs wird die Anwesenheit im Zechensaal kontrolliert und die Arbeitsaufträge verteilt, um sechs ist Schichtwechsel. Das wird knapp. Eckhard hasst es, sich unter Zeitdruck umzuziehen, ist gerne einer der ersten in der Umkleide.
Als er die Spitze des Förderturms erblickt, verlangsamt er seine Schritte. Wie immer, wenn er die mächtige Kuppel sieht, spürt er unbändigen Stolz in sich. Sein halbes Leben ist er fester Bestandteil des über einhundertfünfzig Jahre alten Bergwerks Prosper in Bottrop. Noch. Nicht zum ersten Mal fragt er sich wann diese Zeche schließen muss - wie so viele im Ruhrgebiet. Eckhard wollte nie etwas anderes als Bergmann sein - wie sein Vater und auch sein Großvater. Er fühlt sich zu alt um etwas Neues zu beginnen.
„Wird schon alles gutgehen“, denkt er und schiebt die düsteren Gedanken zur Seite.
In seiner linken Hand trägt er die abgewetzte braune Ledertasche, die bereits sein Vater mit unter Tage genommen hatte. Henkelmann und Thermoskanne finden problemlos darin Platz. Was hatte Elvira ihm wohl heute gekocht? Während er weiter auf den Turm zugeht, schweifen seine Gedanken zu seiner Frau. Seit einer Woche ist sie wieder die aufmerksame und zuvorkommende Ehefrau, die sie früher einmal war. Das ist ein gutes Zeichen – in ihm keimt Hoffnung auf, dass alles wieder so wird wie damals, als sie jung waren. Dreiundzwanzig Jahre Ehe, mit Höhen und Tiefen, wie das halt so ist.
„In guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet.“ An die Worte des Pfarrers erinnert er sich genau.
„Morgen, Ekki!“, der Pförtner begrüßt ihn freundlich. Die Kumpel nennen ihn alle Ekki. Obwohl, oder vielleicht gerade deshalb, weil er die Abkürzung seines Vornamens hasst. Ein paar Meter vor ihm geht Diether, der sich umdreht, ihn erkennt und wartet. „Na, hat deine Elvira dich wieder lieb und wäscht für dich? Oder zeigst du uns neue Reizwäsche, Ekki?“, begrüßt Diether spöttisch seinen Kumpel.
Eckhard spürt, wie sich sein Gesicht rot verfärbt. Diether spielt auf den Vorfall vor zwei Wochen an. Damals herrschten schlechte Ehezeiten. Was auch immer in Elvira gefahren war, sie hatte plötzlich aufgehört Eckhards Wäsche zu waschen und für ihn zu kochen. „Mach deinen Mist alleine, ich hab´ keinen Bock mehr!“, erklärte sie ihm damals mit kämpferischer Miene. Anfangs hielt er das für einen Witz, oder für einen Selbstbestimmungswunsch seiner Angetrauten. Kam sie etwa in die Wechseljahre oder waren es schlicht und einfach Hormonschwankungen? Elvira war in dem Alter, wo es zu solchen Ausbrüchen kommen konnte. Eckhard nahm es gelassen, statt einer warmen Mahlzeit gab es Butterbrote. Anstelle von heißem süßen Tee Wasser. Sogar die Waschmachine konnte er bedienen! War ja nicht so schwer. Man hätte auch keinen Unterschied zu Elviras Waschkünsten festgestellt, wäre nicht das rote T-Shirt versehentlich in die Maschine mit den weißen Feinrippunterhosen und -hemden gelangt. Beim Umziehen vor der Schicht hatte niemand etwas bemerkt, erst als er frisch geduscht aus der Waschkaue kam und seine Unterwäsche anzog, ließen die Sprüche der Kumpel nicht lange auf sich warten.
„Rosa Höschen, Ekki, gibt’s da was, was du uns verschweigst?“ neckten sie ihn und ein Kollege machte aufreizende Bewegungen mit seinem Hinterteil. Er war wütend geworden, richtig wütend. Über Ali machten sie ständig Witze, aber der war das gewohnt. War ja auch nicht so gemeint. Aber bitte nicht über Eckhard Koslowski!
Elvira verlor kein Wort, als sie am nächsten Morgen das in schmale Streifen geschnittene rote T-Shirt auf dem Frühstückstisch entdeckte. Und als er sich für die ausgerutschte Hand entschuldigen wollte – konnte ja mal passieren - blickte sie ihn nur stumm an. Zum Zahnarzt musste sie sowieso und den abgebrochenen Schneidezahn hatte Dr. Kramer prima hingekriegt. Gefiel ihm sogar besser als vorher! Seitdem wäscht sie wieder, steht vor ihm auf, um Henkelmann und Teekanne zu füllen.
Alles wird wieder gut werden, ganz sicher, denkt Eckhard. Er zieht seinen Naseninhalt geräuschvoll hoch und wischt sicherheitshalber noch einmal mit dem Handrücken nach. Auch so was, was Elvira nicht mag, aber sie versteht halt nichts von echten Kerlen....
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